Treffen in echt

Treffen in echt

Wir kommen zusammen. Diesmal in echt.
Wir treffen uns unter der Remise, draußen und überdacht im strömenden Regen.
Wir waren so lange zu Hause in physical distancing. Wir lechzen nach sozialen Kontakten und nach Austausch.
Wir wollen hören, wie es den anderen ergangen ist und aktuell immer noch geht.
Wir hatten wenige Außenkontakte in den letzten drei Monaten.
Wir waren nur bei Rewe einkaufen und sonst haben wir keine Menschen zu Hause empfangen.
Wir haben die Großeltern nicht besucht.
Wir waren im Home office über Monate.
Wir waren mit Kollegen/ Kolleginnen oder Freundinnen draußen spazieren.
Wir haben Abstand gehalten zu allen Anlässen, keine Feierlichkeiten, keine Gottesdienste, keine Urlaube.
Wir haben das Abitur der Tochter begleitet, aber keine Party, keine Mottowoche, kein Abiball, keine Akademische Feier. Wir haben zu Geburtstagen gratuliert, aber nur per Whatsapp.
Wir haben nur Absagen erlebt: kein Segelwochenende, kein Tanzworkshop, keine Blocktherapie, keine Familienfreizeit.
Wir sind am Ende unserer Kräfte mit pflegen, betreuen, beschäftigen der angehörigen MmB, die keine Arbeit haben und nicht in ihre Wohnstätte können.
Wir unterhalten uns über die Rückkehr in das Werkstattleben mit all seinen Schwierigkeiten in Corona Zeiten. Wie soll das ein Mensch mit geistiger Behinderung verstehen und umsetzen, wenn die Welt da draußen bereits wieder zur Normalität zurückkehrt?
Wir überlegen die Missstände aufzuzeigen mit einem Plakat, einer Demo, einer online-Aktion.
Wir stellen fest, wie wenig ausdrucksstark unsere Stimme doch ist in der Öffentlichkeit und wie wir uns mehr Gehör verschaffen könnten.
Wir verordnen uns selbst zweiwöchige Quarantäne, um mit den MmB dann in Urlaub zu fahren.
Wir erleben die Verschlechterung der Angehörigen und suchen statt Werkstatt nun Tagespflege.
Wir kommen in den Genuss der Fürsorge von Charlotte, die ein Auge auf uns hat und uns liebevoll empfängt - ganz ohne Körperkontakt.
Wir halten uns an die Abstands- und Hygienevorschriften, desinfizieren Hände und ziehen erst beim Erreichen des ausgeschilderten Sitzplatzes unsere Masken ab.
Wir halten den Mindestabstand ein und sind daher nur wenige, die den Abend erleben können.
Wir genießen den Kontakt zu Mitmenschen, die in ähnlichen Situationen unsere Sorgen verstehen und nachempfinden können.
Wir tauschen uns aus und hören einander zu, mehr braucht es oft gar nicht.
Wir benötigen keine gut gemeinten Ratschlägen und geben sie auch nicht, wir lassen die Aussagen einfach so nebeneinander stehen.
Wir fühlen uns geborgen und getragen bei WIR.
Wir erzählen von uns, wie es uns geht, hier darf es sein und hat es einen Platz. Danke dafür.

Dieser Beitrag wurde erstellt von: dada

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