On Duty

On duty

Ich bin Angehörige eines MmB. Ich bin sozusagen in der Pflege tätig, aber ich koordiniere auch Termine, ich mobilisiere, ich fördere, ich spiele, kümmere mich und sorge für die Pflegeperson.

Ich bin Mutter. Ich liebe meine Tochter und ich begleite ihren Lebensweg. Ich unterstütze sie in allen Lebenslagen und bin gerne für sie da.

Ich bin berufstätig. Ich arbeite gerne. Ich arbeite mit Menschen und Kindern. Ich arbeite im Büro am PC und im Team. Ich arbeite in der Beratung und in der Interdisziplinarität. Das ist meine Erwerbstätigkeit.

Ich bin Co-Therapeutin. Ich bin Antragstellerin. Ich bin Köchin. Ich bin Familienmanagerin. Das ist meine Nebentätigkeit, wenn ich erwerbstätigkeitsfrei habe.

Ich bin immer im Dienst.

 

Die Menschen um mich herum verlangen: du musst mal loslassen.

Ich kann loslassen. Aber wohin und in welchem Umfang?

Ich kann loslassen, wenn es klappt und gut läuft.

Ich befinde mich im Umbruch. Jana soll ausziehen. Ich begehe Verrat.

Einerseits und andererseits....

Meine Freude und mein schlechtes Gewissen.

Meine Sehnsucht nach Zeit für mich und mein ungutes Gefühl.

Meine Erleichterung und meine Bauchschmerzen.

Mein Aufatmen und meine Bedenken.

 

Es geht mir nicht gut. Jana soll ausziehen. Ein neuer Wohnplatz in einer Wohnstätte ist gefunden. Ich sollte mich freuen. Viele junge Menschen, die nicht mehr zu Hause wohnen, leben in einer Gemeinschaft nicht weit weg von uns. Ansprechpartner, Bezugsbetreuer, neue Mitbewohner und Freunde gewinnen, was zu tun haben am Nachmittag, soziale Kontakte auf Augenhöhe haben und die Wahl haben, auch mal allein sein können ohne Mamas Behüten, sich wohl fühlen im barrierefreien Raum, selbst sein, groß werden, selbstständig, selbstbestimmt... (im Rahmen des möglichen), ICH entwickeln als junge Frau, frei sein von mütterlichem Einfluss.

 

ABER

Ich habe Angst vor all dem, was wir schon erlebt haben. Allein sein, Vereinsamung, sitzen und speicheln, nicht mehr aus dem Rolli rauskommen. Stofftiere als einzige Freizeitbeschäftigung. Wer kümmert sich so gut wie ich? Ernährung, Bewegung und geistige Anregung, kleine Aufgaben, Teilhabe am Alltag oder in der Küche, mitmachen lassen – wer kann das leisten? Aber auch die Chance auf andere Wege, andere Anregungen, andere Anreize, gibt es Anreize?

Wer spielt mit Jana, wer holt sie raus aus ihren immer wiederkehrenden Schleifen. Wer erträgt ihre autistischen Verhaltensweisen? Wer kennt sie so gut wie ich? Wer holt sie da ab, wo sie ist? Wird sie noch gefördert im Sinne eines lebenslangen Lernens? Wer geht den nächsten Schritt mit ihr? Was ist der nächste Schritt?

 

Ich bin im Dienst, selbst wenn ich abgebe. Anträge stellen. Alles im Blick haben. Die Symbiose lösen, aber niemals loslassen dürfen. Dabei wollen wir Eltern doch loslassen. Aber wir sind mutiert. Von Eltern zu gesetzlichen Betreuern und müssen uns kümmern. Kümmern um Wohnplatz und Probewohnen. Kümmern um Anträge beim LWV und der Werkstatt. Gespräche über Wohnortwechsel und Fahrdienstzuständigkeit. Absprachen über Kosten und wer sie trägt. Informationen an zuständige Behörden. Mitteilung an Krankenkasse. Grundsicherungsantrag und Eingliederungshilfe. Gespräche mit Leitung des betreuten Wohnens, der Gruppenkoordinatorin, der Reha-Abteilung, dem Sozialdienst, dem zuständigen Gruppenleiter. Antrag auf freiheitsentziehende Maßnahme. Gutachten eines Sachverständigen und Termin für Fragestellung. Treffen mit Verfahrenspfleger und Richterin im Amtsgericht. Alles auf einen guten Weg bringen. Alles im Blick haben.

Ich will doch nur, dass es läuft. Dass es gut wird. Jana soll sich wohl fühlen. Es soll ihr gut gehen. Ich bin im Dienst. Auch wenn ich keinen Dienst habe.

Dieser Beitrag wurde erstellt von: dada

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