Das Virus soll weg

Jana hat (wie wohl irgendwie alle unsere Kinder mit geistigen Beeinträchtigungen) echt anstrengende autistische Züge.

Sie ist manchmal so lustig, so geistreich, so verständig und manchmal leider auch so eingefahren, so besessen, so beschränkt.

Ich kann diese Phasen mal besser, mal schlechter aushalten, reagiere mal mehr, mal weniger aggressiv oder verständnisvoll darauf.

In guten Phasen wirke ich beruhigend auf sie ein, manchmal klappt das sogar. Aber oft kann ich sie kaum erreichen. Um ihr Geschrei und ihre fortwährenden Wiederholungen auszuhalten, schreibe ich mit. Das beruhigt immerhin mich und gibt mir eine Aufgabe in meiner Ohnmacht und Hilflosigkeit. Es wirkt präventiv und hält mich davon ab, ihr all meine Wut entgegen zu schleudern. Es gibt meinen Händen eine Tätigkeit, mir einen Auftrag, etwas zu tun, um nicht Schläge auf sie einprasseln zu lassen, damit endlich das Geschrei aufhört. Sie versteht mich nicht rational. Sie versteht die Situation, die um uns herum herrscht, kein bisschen. Und in Zeiten der Ruhe danach tut sie mir einfach nur unendlich leid. Ich kann ihre Wut, ihren Ärger, ihr Geschrei so gut verstehen. Aber wenn sie schreit, ist es für mich unerträglich und kaum auszuhalten. Mindestens genauso schlimm ist es, wenn sie still in sich gekehrt, ruhig und resigniert dasitzt, weil sie das Problem auch nicht einfach weg schreien kann.

Ich gebe also nun etwas von dem wieder, was sie in Endlosschleife zu gegebenen Zeitpunkten dauerhaft wiederholt. O-Ton Jana im März 2020:

wann gehe ich wieder arbeiten?

ich will wieder arbeiten?

wann sehe ich den Kumpel wieder?

(im Radio werden die Stau-Nachrichten verlesen, es sind 88% weniger Stau in Corona Zeiten - Jana fährt freitags immer mit ihrem Kumpel zum Einkaufen und danach wird er nach Hause gebracht. Jana sitzt dann im Auto mit ihm hinten im Stau - das ist Zeit zum Kuscheln, Zeit ihm nahe zu sein) ich will wieder Stau haben.

wann ist wieder Stau?

ich will arbeiten.

Ich will richtig arbeiten.

ich will Hölzer machen (ihre Aufgabe in der Werkstatt, für Grillanzünder).

ich will arbeiten - nicht hier.

ich will arbeiten - nicht bei dir, Mama.

ich will arbeiten bei Uwe (Gruppenleiter), bei Moritz (Kumpel), bei David, bei Patrick, bei Steven (alles Kollegen).

ich will arbeiten, das macht mich traurig.

ich will richtig arbeiten bei Uwe.

ich bin traurig, siehst du das, Mama.

ich will in die Werkstatt gehen, das macht mich richtig traurig (sie meint die Situation, so wie es jetzt ist, dass sie nicht dorthin darf) ich will den sehen - ich will den Moritz treffen.

ich vermisse den, warum darf ich nicht?

kann ich den Freitag treffen?

wann sehe ich den wieder?

ich bin traurig, dass ich den nicht sehe.

ich vermisse den Moritz total, verstehst du das?

ich bin echt traurig, dass ich keinen Moritz habe.

Ich bin richtig traurig.

ich will den treffen.

ich will den am Freitag treffen.

ich möchte mit ihm einkaufen gehen.

wann treffe ich den Moritz wieder. (meine Antwort ist hier immer wieder ganz ruhig: nach der "Virus-Pause") das Virus ist ein Arschloch.

ich will das nicht.

das soll stoppen.

das Virus ist Scheiße.

das Virus soll weg.

wann hört das auf?

..... ja, würden wir das nicht alle gerne wissen...

 

Dieser Beitrag wurde erstellt von: dada

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