Corona im Mikrokosmos

Corona im Mikrokosmos

Ich höre Nachrichten und ich verstehe sie auch. Corona ist im Land. Bei uns. Irgendwie gehen diese Sachen doch immer an uns vorbei. Wie Schweinegrippe oder anderes. Diesmal betrifft es uns wirklich. Aber es fühlt sich an wie in einem falschen Traum. Vor ein paar Tagen war alles noch in Ordnung.

Die Schulen werden geschlossen. Mein Team arbeitet im Home-Office.

Kontaktsperre. Meine Freundin kommt mich nicht mehr besuchen.

Jana spürt die Brisanz lange bevor es sie wirklich betrifft.

"Oh, warum Kerze an? Oma Maggi Kerze?", fragt sie nach der zuletzt verstorbenen Person in unserem Umfeld, die wir sehr gern hatten. Nein, eine Kerze für bzw. vielmehr gegen das Virus. Das Virus holt uns ein. In der Nachbarstraße sind schon Mitmenschen erkrankt, die wir gut kennen. In der anderen Parallelstraße haben wir älteren Mitmenschen angeboten, für sie einkaufen zu gehen.

Jana fragt: Nachrichten gucken? Wir hören die Merkel Ansprache und Jana wiederholt einzelne Worte. Wer ist die Frau? Wie heißt die Frau?

Bisher gab es zwischen ihr und Jana keine Verbindung. Jetzt hat sie eine Bedeutung. Sie ist die Chefin von Deutschland. Sie ist die Bestimmerin. Sie ist so was wie eine Gruppenleiterin.

Alles scheint plötzlich so ungewiss. Keiner weiß etwas Genaues und das Vorgehen ist überall unterschiedlich.

Im Hochtaunuskreis im stationären Wohnen sind keine Besucher mehr zugelassen.

Wir telefonieren mit der Wohnstätte, wo Jana in den nächsten Tagen einziehen soll. Wir dürfen kommen, nachdem wir uns im Eingangsbereich die Hände desinfiziert haben. Am nächsten Tag dürfen wir nicht mehr kommen. Und der geplante Umzug für den 16.3.2020 von Jana ins Wohnhaus ist bis auf weiteres verschoben.

Die Schulen und Kitas werden geschlossen. Und die Werkstätten? Es gibt lange keine Infos von dort. Keine klare Aussage. Erst im Nachhinein verstehe ich, dass diese Entscheidungen von noch höherer Stelle getroffen werden.

Kreistagsabgeordnete müssen das entscheiden. Das klingt irgendwie nicht richtig gut, schließlich sind die Menschen in der Pflege auf ganz nahen körperlichen Kontakt angewiesen. Aber so ist das nun mal.

Rein körperlich gesehen gehören MmB ja nicht zur Risikogruppe, wenn nicht noch andere Erkrankungen vorliegen. Eine Behinderung ist ja schließlich keine Krankheit. So bin ich recht unbesorgt und doch möchte ich Jana nicht mit zum Einkaufen nehmen, sie nicht zu den Großeltern lassen. Der permanente Speichelfluss ist mehr als eine einfache Tröpfchen Übertragung. Es ist ein fortwährender Spuck-Faden und das mag schon keiner in Zeiten -ganz ohne Corona.

Dann die Entscheidung. Die Werkstatt bleibt zu. Für Jana bedeutet das:

kein Umzug, keine Arbeit, keine sozialen Kontakte, keine Busfahrten, kein Treffen mit ihrem Kumpel, kein Reden mit ihren Freunden, kein Einkaufsausflug mit ihrem Vater. Für mich bedeutet das: den Urlaub, den ich mir für die Begleitung von Janas Umzug genommen habe, kann ich gut nutzen für die wochenlange Betreuung zu Hause. Statt Entlastung noch mehr Arbeit.

Aber wir machen es uns schön zu Hause. Es ist wie Urlaub - nur ohne Meer!

Wir verbringen schöne intensive Familientage. Echte Familienzeit ist ja sonst im Alltagswahnsinn sehr rar geworden. Wir spielen und kochen, singen und malen, musizieren und bauen und da das Wetter so schön ist, sind wir täglich zwei, drei Stunden zum Radfahren draußen. Jana will Beschäftigung und fordert das auch ein. Die Schaukel vom Balkon haben wir zu uns reingeholt und Jana schaukelt fröhlich und hört dabei Musik.

Jana mag das Virus nicht. Das Virus ist ein Arschloch. Wie lange das Virus noch bleibt, fragt sie täglich. Das Virus soll weggehen, ich möchte lieber arbeiten, sagt Jana. Schön, dass sie all das in Worte fassen kann. Sie ist so unglücklich, all ihre Kollegen nicht zu sehen. Sie sagt, ich vermisse alle. Ich will Patrick, Vadim, David, Steven sehen. Und natürlich ihren Kumpel in der Mittagspause treffen. Ich bin so traurig, sagt sie. Ich will wieder in die Werkstatt. Wann ist es soweit? Ich versuche zu erklären, dass es "nach der Virus-Pause" soweit sein wird. Und ein ungutes Gefühl bleibt, da ich auch nicht weiß, was das bedeutet.

Nebenher schreibt Nele Abitur. Aber das ist eine andere Geschichte für sich.

Dieser Beitrag wurde erstellt von: dada

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