Leben mit einem behinderten Bruder 2

Kinder können nicht verstehen, was selbst Erwachsene nicht verstehen

Als ich selbst noch klein war, ungefähr 10 Jahre alt und Benni ungefähr 8, waren wir beide einmal zu Besuch bei meinen Großeltern. In Anbetracht der Tatsache, dass meine Großmutter, die zwar der liebste Mensch auf Erden ist, jedoch in einer realitätsfernen Traumwelt lebt und nicht wirklich eine Ahnung davon hatte, wie sie mit meinem Bruder und mir umzugehen hatte, ein durchaus gewagtes Experiment. Das ist oft das Problem. Die allermeisten Menschen können sich nicht vorstellen, was es wirklich bedeutet, dass mein Bruder geistig behindert ist. Entweder sie denken, er ist komplett Matsch in der Birne und kann nichts außer vor sich hin brabbeln und um sich schlagen – quasi ein Verrückter ohne Gehirn. Oder aber sie sind im Gegenteil der Meinung, es könne ja so schlimm nicht bestellt sein um ihn, er „sieht doch ganz normal aus!“ Und davon sind auch Familienangehörige nicht ausgeschlossen.

Meine Großmutter hatte also die edle Aufgabe mich und Benni ein paar Tage bei sich zu haben. Was sie nicht wusste, war, dass ich zu dieser Zeit sowieso schon ziemlich angenervt von meinem kleinen Bruder war. Es ist einfach schwierig, und zumindest für mich war es geradezu unmöglich, als 10-Jähriger zu verstehen, dass mein Bruder einfach so ist, wie er ist. Und zwar nicht, weil er mir auf die Palme gehen will, sondern weil er nun mal einfach nicht anders kann. Deshalb stritten wir uns oft wegen allem und jeder Kleinigkeit, weil ich es einfach nicht ertragen konnte, meinen „dummen kleinen Bruder“ an der Backe zu haben. Ich empfand es als äußerst ungerecht und als Strafe, ständig mit dieser „0-Watt-Birne“ von einem Bruder alleingelassen zu werden, der nichts verstand, gelegentlich Dinge kaputt machte und sich auch sonst nicht besonders positiv hervortat. Hinzu kam, dass Benni sich in den ersten Jahren seines Lebens kaum verständigen konnte, es also oft damit endete, dass ich in dem Versuch ihm irgendwas zu erklären in Rage geriet, ihn anschrie und er nichts verstand und prompt anfing zu heulen oder mich zu schlagen, woraufhin ich als der „Stärkere und Ältere“ dann der Böse war. Das war dann natürlich immens frustrierend für mich, und es hat lange gedauert, bis ich wirklich darüber hinwegsehen und akzeptieren konnte, dass meinen Bruder keine Schuld trifft. 

Ich also alleine mit meinem Bruder bei meinen Großeltern. Schon als unsere Mutter geht, bin ich alles andere als begeistert und versuche zu verhandeln, dass sie uns nicht zu zweit alleine lässt, aber es hilft nichts. Ich verstehe nicht, warum sie mir diese Strafe auferlegt, und ich bin wütend und frustriert. Vier Tage mit meinem Bruder und meinen Großeltern, in einer Umgebung, in der es sowieso nichts zu tun gibt. Toll. Ich bin gelangweilt, lese ein Buch, oder versuche, mich anderweitig zu beschäftigen und mein Bruder kommt und macht irgendwas, dass mich auf die Palme bringt. Wahrscheinlich nichts Schlimmes, aber ich habe ihn bereits als Schuldigen für die Misere, in der ich mich befinde, auserkoren und ich werde wütend und wir geraten in Streit. Meine Oma macht ein Nickerchen und wacht schließlich auf, weil Benni schreit wie am Spieß, weil ich es geschafft habe, ihm in der Hitze des Moments einen Zahn auszuschlagen.

So schnell kann das gehen, und die Harmonie ist dahin. Wer ist dran schuld? Alle und niemand. Solche Dinge sind nicht immer zu verhindern. Man kann nur versuchen, zu verstehen, was in den Kindern vorgeht.

Dieser Beitrag wurde erstellt von: Goldappel

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