Corona Förderplan

Mehr als drei Monate Corona-Pandemie-Ausnahmezustand liegen nun hinter uns. Corona ist wie ein Brennglas. Es bringt die Schwierigkeiten noch deutlicher hervor, die sowieso schon irgendwo schlummern. Die Nerven liegen bei vielen Menschen blank, denn die Anforderungen an Familien oder auch die einzelnen Personen sind mit den Auflagen der Landesregierung deutlich gestiegen.

Corona kann aber auch als ein Gewinn gesehen werden. Wir leben in solch außergewöhnlichen Zeiten. Ich hätte es niemals geglaubt, dass es mal so etwas bei uns geben wird. Wir nutzen die Zeit. Wir funktionieren sie einfach um. Wir definieren sie neu. "Corona plus" nennen wir das.

Die Menschen mit Behinderung sind zu Hause und können nicht zur Arbeit gehen. Seit drei Monaten schon. Ein neuer Alltag wird geschaffen und wir üben zu Hause. Die ganzen lebenspraktischen Fertigkeiten gibt es tagtäglich zu bewältigen. So arbeiten wir gemeinsam in der Küche. Mit Unterstützung versteht sich - in beide Richtungen. Das kostet zwar alles etwas länger Zeit, aber es stärkt das Gefühl der Teilhabe: Besteck aus der Spülmaschine ausräumen, staubsaugen, Wäsche aufhängen, Toilette putzen, Tisch decken und abräumen. "Mama, ich brauche eine neue Aufgabe", sagt meine Tochter stolz am Ende einer vollbrachten Tätigkeit. Und munter geht es weiter. All das geht natürlich nur, seitdem wir auch den Rollstuhl im dritten Stock nutzen. Danke an die Krankenkasse, die bei der letzten Neu-Versorgung noch nicht darauf bestanden hat, dieses Hilfsmittel abzutransportieren. Es ist Gold wert - jetzt in Coronazeiten!

Einige Angehörige meinen auch, wir befinden uns im Arbeitslager. Aber es gibt doch immer viel zu tun in so einem Haushalt. Die Familie rückt enger zusammen. Es gibt mehr "quality time". Wir tun Dinge gemeinsam. Die Geschwister rücken so eng zusammen wie noch nie zuvor. Die Schwestern gehen regelmäßig gemeinsam spazieren, machen Quatsch oder hören Musik zusammen. Ich meine, es sei eher so etwas wie ein Trainingslager mit Förderung für Körper und Geist. Wir lesen zusammen. Die Namen der Kollegen bekommen eine andere Bedeutung, wenn auch das Schriftbild erkannt wird. Auch die Aussprache wird dabei deutlicher. Wir spielen ein Kollegen-Memory, wenn wir schon alle nicht in echt treffen dürfen. Die täglichen Trainingseinheiten werden nicht nur am gemalten Wochenplan visualisiert.

Wir führen das Ganze auch aktiv durch: Wir krabbeln durch die Wohnung, wir turnen auf der grünen Matte, wir wackeln auf der Vibrationsplatte, wir fahren Rad. Ganz automatisch wird dabei der Rücken und die Motorik besser. Da braucht man nicht mal ein Röntgenbild dafür, um das zu erkennen. Es ist ganz offensichtlich mit dem bloßen Auge deutlich zu sehen. Auch das Laufen klappt besser. Beim Abtrocknen des Körpers nach dem Duschen benutzen wir nun oft zwei Handtücher. Eins nehme ich und helfe beim Rücken. Eins nimmt meine Tochter und hilft mit, sich trocken zu rubbeln. Was oft schnell gehen muss und hinten runter fällt, weil es komplett von mir in der Pflege übernommen wird, das entwickelt sich nun zum Ritual des Mitmachens und Selbsttuns. Einfach schön.

In unserem Trainingslager standen auch noch Toilettentraining und Mobilitätstraining auf dem Programm. Das Ein- und Aussteigen aus dem Rollstuhl klappt nun ganz alleine mit dem Griff an der Wand. Der nötige Abstand zwischen Wand und Füßen muss gewählt werden. Die Bremsen müssen fest gestellt werden. Alle Anschnallgurte müssen gelöst werden. Es kostet mich Energie, auf all das immer wieder hinzuweisen, aber langsam klappt es fast von selbst. Auch die jahrelange Sauberkeitserziehung hat nun endlich in Corona Zeiten ihren Höhepunkt gefunden. Auf die Windel kann tagsüber komplett verzichtet werden. Ich achte auf die Flüssigkeitsmenge, die zugeführt wurde. Ich frage nach, ob es nicht mal wieder an der Zeit sei.

Ich gebe vor und führe auch hier Rituale ein. Alles klappt, wenn ich nur ausreichend Ruhe, Geduld und Gelassenheit mitbringe. Puh! Aber der Stolz, die Freude und das strahlende Gesicht belohnen mich für die Mühe, die enorme Kraft, Zeit und Energie gekostet hat.

Schade, dass vermutlich all diese Fähigkeiten wieder verloren gehen werden in einer Zeit nach Corona, wenn der Alltag in Werkstatt und Wohnheim wieder einkehren wird...

 

Dieser Beitrag wurde erstellt von: dada

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