Ausgerechnet Italien

Fritz ist ein Fußball-Fan. Er hat unzählige Trikots verschiedenster Clubs mit den Namen unterschiedlichster Spieler. Da gibt es das Neuer Torwartleibchen, den unvermeidlichen Messi- Barcelona- Dress aber auch solche Raritäten wie ein Schalke-Rakitic-Trikot. Fritz ist gern bei den Siegern. Also ist er meistens ein Bayern Fan, gelegentlich auch Borussia Dortmund. Als Neu-Darmstädter, während des Aufstiegsmärchens, war er ein glühender Lilien Anhänger. Von der Mütze bis zum Portemonnaie leuchtete alles himmelblau in den Farben der 98iger. Dies ist nach acht Niederlagen in Folge und dem letzten Tabellenplatz etwas abgekühlt, und er hat sich – er ist schließlich Frankfurter! - wieder der Eintracht zugewandt. Die ist mit einem vierten Tabellenplatz nach einer überraschend guten Hinrunde wieder fanfähig. Fritz Betreuer mahnen eine stärkere Vereinstreue an. Aber sich mit Haut und Haaren dem Tabellenletzten zu verschreiben, braucht noch etwas pädagogische Überzeugungsarbeit. Welche Blüten in diesem Fall die etwas überforderte Elternpädagogik treibt, zeigt folgende Geschichte: Sommermärchen 2016. Die ganze Nation, inklusive Fritz, ist elektrisiert von der jungen, schwungvollen deutschen Mannschaft, die es mit Leidenschaft und Spielwitz bis ins Halbfinale schafft und - wie immer im Halbfinale - an Italien scheitert. Ein kollektives Drama, alte Erinnerungen werden wach. Das Jahrhundertspiel in Mexiko 1970. 82, das verlorene Finale in Spanien. Ausgerechnet Italien.

Fritz, damals noch Schüler der Frankfurter Mosaikschule, hatte, angeregt durch seine italienischen Schulkameraden, natürlich auch ein komplettes Italien-Outfit. Trikot, Schal Mütze, ich glaube sogar eine Trainingshose. Und so erschien er am Morgen nach der Halbfinal Niederlage zum Frühstück. Der perfekte Tifosi. Einigermaßen fassungslos nahm ich das zur Kenntnis. Meine Frau in Sachen Fußball keine Expertin und ihr Herz eher an andere Dinge hängend, meinte: sieht doch ganz hübsch aus. Zweifelsohne. Aber eben Italien. Und so dachte ich zwar besorgt aber ganz liberal und aufgeklärt: warum nicht Italien. Warum eigentlich nicht. Warum nicht nach einer WM- Halbfinalniederlage gegen Italien in italienischen Nationalfarben zur Schule gehen. Das ist doch Völkerverständigung. Man muss das doch nicht so eng sehen. Unsere Behinderten geben da ein gutes Beispiel. Gehen mutig voran. Außerdem, ist doch bloß Fußball. So versuchte ich mich zu beruhigen. Denn so ganz sicher war ich mir nicht wie Fritz Busfahrer reagieren würde, der ihn jeden Morgen zur Schule fuhr. Der war kein Italiener. Der war ein deutscher Busfahrer. Mitglied im Kleingartenverein und stolzer Besitzer eines nicht vollständig erzogenen Rottweiler-Männchens.

Abends fragte ich Fritz, wie es denn gelaufen sei in der Schule. In der Schule war alles Bestens. Und dein Busfahrer? Hat der auf dein Trikot reagiert? Ja, der hätte ganz komisch geguckt und dann „Raus“! gebrüllt. Dann hätte er gelacht und gesagt: „Steig ein.“

1:0 für Fritz. Aber nach der nächsten Halbfinalniederlage gegen Italien wird Fritz meinetwegen in schwarz gehen aber nicht in grün- weiß- rot!

Dieser Beitrag wurde erstellt von: R. Paulus

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