Allein mit King Kong

Fritz ist acht und pieselt in die Hose. Nachts. Tagsüber geht es. Nur bei großer Aufregung passiert es noch. Aber nachts, regelmäßig. Also, braucht Fritz Windeln. Fritz ist ein dünner Schlacks, heute ist er fast zwei Meter groß. Lange kommen wir mit Kinderwindeln aus. Aber mit acht geht das auf einmal nicht mehr. Was tun? Auf Erwachsenen-Windeln umstellen? Oder das Problem frontal angehen. Alles gute Zureden: „Du musst aufwachen, wenn du es merkst“, bla bla... abends nichts trinken. Alles umsonst. Fritz schläft wie ein Stein, pieselt, und schläft weiter. Da sind Windeln praktisch. Und tückisch. Man lässt es, buchstäblich, laufen. Es müssen stärkere Maßnahmen her. Die Klingelmatte, so haben wir gehört, ist da ein probates Mittel. Klassische Verhaltenstherapie, so meine Frau. Eine Metallfolie an eine Batterie angeschlossen. Bei Wasserkontakt löst es einen Alarm aus, der einen kerzengerade im Bett stehen lässt. Man denkt kurz über Folter nach, verfolgt diesen Gedanken aber nicht weiter. Klassische Konditionierung: Pipi auf Matte, es klingelt, ich wache davon auf, ich kombiniere: „Ich habe ins Bett gemacht.“ Weiter schließe ich: „Wenn ich dieses fürchterliche Geräusch vermeiden will, darf ich nicht ins Bett machen. Ich muss vorher aufstehen und aufs Klo gehen.“ So die Grundidee.

Nun muss nur noch der Kinderarzt von dieser Idee begeistert werden. Respektive die Krankenkasse. Die Krankenkasse nämlich bewilligt nur die nicht ganz unerheblichen Kosten, wenn der Kinderarzt diese Maßnahme ausdrücklich befürwortet. Der Kinderarzt kann wiederum diese Maßnahme nur ausdrücklich befürworten, wenn bei dem Kind ein freier Wille erkennbar ist. Fritz muss das selber wollen und Auskunft darüber geben, warum er das will. Alles klar, denken wir. Nun ist das bei Fritz so eine Sache mit dem freien Willen. Damit es keine Komplikationen und Missverständnisse gibt, nimmt meine Frau das mit dem freien Willen erst einmal selbst in die Hand. Fritz wird wochenlang trainiert, auf die Frage: „Fritz willst du denn so eine Klingelmatte?“ mit einem festen „Ja“ zu antworten. Und auf die Frage: „Warum willst du eine solche Klingelmatte?“, unerschütterlich zu erwidern: „Damit ich mal bei jemand anderes übernachten kann.“ Nach einigen Wochen sitzt das perfekt und Fritz kann seinen freien Willen bekunden und die Klingelmatte, fortan bei uns nur noch Pieselmatte genannt, ist von höchster Stelle genehmigt.

Wenn Fritz gewusst hätte, worauf er sich da einlässt! Und wir erst! Unser Kinderarzt hatte gesagt, spätestens nach sechs Wochen ist Fritz da durch. Wenn nach 10 Wochen keine Erfolge zu verzeichnen sind, wäre es zwecklos, die Klingelmatte dann nicht das Mittel der Wahl. Sechs Wochen. Das kann man durchhalten, denken wir. Sechs Wochen Schlafunterbrechung, dafür nimmt man das doch gerne in Kauf. Wir fangen im Sommer an. Dann ist es nicht so kalt beim Aufstehen nachts. Für beide Seiten. Es sollten sehr lange sechs Wochen werden. Sechs Monate, ungefähr. Sechs Monate jede Nacht das volle Programm: es klingelt, aufstehen, den verstörten Fritz beruhigen aber doch über die Zusammenhänge aufklären, Pyjama wechseln, Laken wechseln, Decke neu beziehen, Matratzenschoner abziehen, bei größerer Ladung Matratze umdrehen, neuen Matratzenschoner aufziehen, Fritz beruhigen. Anfangs konnte das auch zwei bis dreimal nachts passieren. Man hätte mühelos an dem Experiment teilnehmen können: wie wenig Schlaf braucht der Mensch.

Bis Fritz überhaupt begriff, dass er es war, der die Matte zum Klingeln brachte, vergingen bestimmt zwei Monate. Dann der Zusammenhang, dass er es war, der es in der Hand hatte (wenn man das hier so nennen darf), den Alarm nicht auszulösen. Noch mal zwei Monate. Verhaltenstherapie, Konditionierung, Folter, was auch immer! Uns ist alles egal. Die Nerven liegen blank. „10 Wochen, hat der Arzt gesagt! Jetzt sind es 20! Wir sind bald in der Geschlossenen und Fritz pieselt weiter fröhlich ins Bett!“ - „Fritz ist nicht fröhlich! Er macht ins Bett, aber er ist nicht fröhlich!“ – „Wir sind ein Wrack, er ist ein Wrack! And the winner is: die Pieselmatte!“ Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis wir aufgeben. Aber schließlich ist Fritz von der Matte noch terrorisierter als wir und es stellen sich erste Erfolge ein. Dann irgendwann ist es soweit und das Ungetüm wandert zum ersten Mal in den Schrank. Es gibt Rückfälle und zu aller Entsetzen wird die Matte reaktiviert. Schließlich wird sie endgültig ausrangiert. Lange noch hänseln ihn seine Geschwister und sagen: „Fritz, wenn du nicht brav bist, holen wir die Pieselmatte!“ Dann schaut Fritz entsetzt mit weit aufgerissenen Augen, so ungefähr als würde man sagen: „Ich lass dich die nächste halbe Stunde mal mit King Kong allein.“

Dieser Beitrag wurde erstellt von: R. Paulus

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