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Lebenshilfe Frankfurt - News

Fachtag der Ambulanten Familienhilfe am 6. November 2019


Die Bedeutung von kultursensibler Arbeit in der Behindertenhilfe. Kann ein kultursensibler Dialog gelingen?

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Andrea Orbig begrüßte die Teilnehmer*innen und führte mit ihrem Vortrag "Wege entstehen dadurch, dass man sie geht" (35:20 Minuten) ins Thema ein.
Die Statements der anschließenden Diskussion finden Sie hier.

Frau Orbig begrüßte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer und gab einen inhaltlichen Überblick. Nach ihrer Einführung "Wege entstehen dadurch, dass man sie geht", sprach Frau Gülmez-Götzmann in ihrem Vortrag über das Thema "It is normal to be different! - Ist es normal, anders mit Behinderung umzugehen?"

Workshop 1: Kultursensibilität bei der Einschätzung von Kindeswohlgefährdung
Workshop-Leitung: Dr. Marianne Sow

Der Workshop 1 hatte es sich zur Aufgabe gemacht, mit interkulturellem Blick auf geschlechtsspezifisches Rollenverständnis und Beziehungen der Familienmitglieder untereinander zu schauen. Es ging darum, auf die Gründe zu schauen, warum Eltern in bestimmten Situationen für Fachkräfte unverständlich handeln. Durch unterschiedliche Methoden (u.a. Soziogramme/Genderanalyse mit Fokus auf Kinder mit Behinderung) wurde die Wahrnehmung für kulturelle Schnittstellen und Unterschiede sensibilisiert und Lösungsmöglichkeiten entwickelt, die darin bestehen, die zwei unterschiedlichen Gesellschaften aufeinander zuzubewegen. 

Im Praxisteil des Workshops dienten konkrete Fallbeispiele dazu, Hinweise auf eine Kindeswohlgefährdung möglichst früh zu erkennen. Diese unter interkulturellen Gesichtspunkten zu betrachten und Wege aufzuzeigen, gemeinsam mit den Eltern den Schutz des Kindes sicherzustellen. Die Teilnehmenden erhielten die Möglichkeit, im Rahmen von Kleingruppenarbeit durch kollegiale Beratung kulturelle Aspekte zu reflektieren und sich durch Hypothesenbildung die eigenen Denkmuster bewusst zu machen.

Im Plenum wurden Konzepte über Werte und Ziele in der Kindesentwicklung und die elterliche Verantwortung für die Erreichung und Durchsetzung dieser Ziele reflektiert und die besondere Aufgabe bzw. der Auftrag der Sozialarbeiter*innen dargestellt.

Der Workshop 1 hat deutlich gezeigt, dass Verdacht auf Kindeswohlgefährdung am besten mit Teamunterstützung, interkulturellem Verständnis und interdisziplinärem Austausch angegangen werden soll. Der Hilferauftrag des Jugendamtes soll auch als Ressource genutzt werden. Ein fertiges Rezept gibt es nicht. Es muss immer fallbezogen gehandelt werden.

Workshop 2: Zwischen Fremdheit und Vertrautheit
Workshop-Leitung: Betül Gülmez-Götzmann

Im Workshop Fremdheit war es wichtig, die Teilnehmer*innen dazu anzuregen, sich mit den eigenen Fremdheitsgefühlen und Erfahrungen auseinanderzusetzen. Dazu wurden folgender Ablauf und Methoden angewendet:

• Kennenlernen und Erwartungsabfrage
Die Teilnehmer*innen stellen sich vor und erhalten Raum, die eigenen Erwartungen und Wünsche zu äußern.

• Einstieg
Kurze Einführung zum Thema Fremdheit und Benennung der Ziele des Workshops.

• Selbstreflexion
Um das eigene Denken und Handeln zu analysieren und nach Möglichkeit zu hinterfragen, erhalten die Teilnehmer*innen ein Blatt mit Reflexionsfragen. Die gezielte Selbstreflexion hat besonders deshalb einen Vorteil, weil viele Denkmuster und Verhaltensweisen häufig unbewusst den Alltag prägen. Durch ihre gezielte Erforschung und Aufdeckung lassen sich neue Einsichten erlangen, die auch einen Impuls für neue Bilder sein können. Durch die Reflexion kann ein Bezug zu aktuellen Lebensereignissen hergestellt werden und Zukunftsperspektiven entwickelt werden.

• Perspektivenwechsel
Zur Bewusstmachung des eigenen Denkens und Handeln gehört auch der Austausch mit anderen Personen. Die Teilnehmer*innen werden angeregt sich in Zweier- oder Dreier- Gruppen über ihre eigenen Erfahrungen und Erlebnisse auszutauschen. Dadurch können die einzelnen Personen über den eigenen Standpunkt, wie sie etwas gesehen habe und wie sie etwas empfunden habe, berichten. Die eigene Perspektive ist immer erst einmal subjektiv. Durch die Rückmeldung der anderen entstehen eine Vielfalt an neuen Sichtweisen, neuen Wege und damit neuen Verhaltensmuster. Dieser Perspektivenwechsel dient, das eigene Denken und Verhalten zu erweitern, zu verändern bzw. weiterzuentwickeln.

• Feedback (Blitzlicht)
Mit der Blitzlicht-Methode konnte die momentane Stimmungslage der Gruppe erfasst werden. Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer hatte die Möglichkeit persönliche Aspekte einzubringen. Unbewusste Lernprozesse konnten bewusst gemacht werden und Empfindungen konnten geäußert werden.

Workshop 3: „Religion, Werte und Normen – und Bilder, die wir uns machen“
Workshop-Leitung: Sabine Kriechhammer-Yağmur

Nach einer Bingo-Übung, die eine erste selbstreflexive Auseinandersetzung mit eigenen Bildern anregte (Warum bin ich auf wen zugegangen? Welche Vermutungen hatte ich über die Andere*n? Wie verstehe ich die Fragen? Wie deute ich sie?) sammelten wir Bilder, die die Teilnehmer*innen mitgebracht haben und gerne besprochen hätten. Diese waren sehr vielfältig: Von zum Beispiel „Wie bilden wir Diversität im Foto ab?“ über „sexuelle Selbstbestimmung versus Protektionismus“, „Professionalität wahren“, „gemeinsame Werte finden“, „Burka als Kommunikationshemmnis“, „Umgang mit radikalen Haltungen“, „Was ist mit meinen Werten?“ bis „Bilder vom behindert werden“.

Im Rahmen eines kleinen Inputs wurde der Kulturbegriff soziologisch definiert. Kultur ist etwas, was einer Gruppe von Menschen gemeinsam ist. Die Gemeinsamkeit kann eine bestimmte Sprache sein, der Glaube an einen bestimmten Gott, bestimmte Verhaltensregeln, ein bestimmter Kleidungsstil, eine bestimmte ethische oder politische Vorstellung etc. Nach dieser Auffassung existieren in einem Staat viele verschiedenen Kulturen neben- und miteinander, ohne dass nur eine Person mit Migrationshintergrund in ihm leben muss.

Die Gefahr von Kulturalisierung anhand der „Blume der Vielfalt“ aufgezeigt. Die Blume der Vielfalt hat zahlreiche Blütenblätter wie z. B. Alter, Herkunft und Sprache, Geschlecht, sexuelle Identität, Religion und Weltanschauung, Behinderung, äußere unveränderliche körperliche Merkmale wie z. B. Hautfarbe sowie andere, nicht durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz geschützte Differenzlinien, wie z .B. Bildung, ökonomischer Status etc. Die Reduzierung eines Menschen auf nur ein Blütenblatt, auf nur eine Differenzlinie wie z. B. Herkunft, kulturalisiert und wird der Vielfalt menschlichen Daseins nicht gerecht.

Das daraus resultierende „othering“ wurde beleuchtet und Machtasymmetrien aufgezeigt. „othering“ beschreibt den Prozess, sich selbst und seine sozialen Merkmale hervorzuheben, indem man Menschen mit anderen Merkmalen als „fremd“ oder „andersartig“ klassifiziert und sich von ihnen distanziert. Anhand einzelner eingebrachter Beispiele wurde dieser theoretische Input vertieft und reflektiert. Den Abschluss bildete eine Bildbetrachtung, die gewohnte Erklärungsmuster infrage stellt.

Auf die Frage, was die Teilnehmer*innen in dem Workshop gefreut bzw. überrascht hat, gab es neben dem Bedauern, dass der Workshop zu kurz war, individuelle Antworten, hier einige Beispiele:

„Ich muss meine eigenen Werte und Normen kennen und hinterfragen, bevor ich über die der Anderen spreche“.
„Ich möchte weiter darüber nachdenken, wie ich professionelle Haltung einerseits und persönliche Erfahrungen andererseits authentisch leben kann.“
„Ich bin irritiert im positiven Sinn und werde diesen Irritationen nachspüren.“
„Ich will achtsamer mit dem Kulturbegriff umgehen und nicht zuschreiben.“

Workshop 4: Ganz individuell und stark im Miteinander - wie kann uns das gelingen?
Workshop-Leitung:Petra Hillekes

Zunächst konnten sich die Teilnehmer*innen einmal anders kennen lernen.
In der Aufwärmrunde sollten sich Gruppen finden, die sich immer wieder neu zusammensetzten, je nach Aufgabe. Einige Aufgaben waren einfach, so dass Sich-Finden nach der Farbe der Schuhe oder der Farbe des Pullovers zu lösen war. Dann wurde es persönlicher, es wurde nach dem Familienstand gefragt oder nach Kindern. Schon formierten sich die Gruppen neu. Letztendlich sollte sich die Gruppe als Ganzes wiederfinden durch die Aufstellung nach Körpergröße oder Alter.
Diese Übung zeigte schon, dass sich die Menschen unterschiedlich zusammensetzen, je nachdem welchen Fokus die Moderatorin setzte. Je nach Schnittmenge ergaben sich große oder kleinere Gruppen oder auch Vereinzelungen.
In einer zweiten Übung erzählte die Moderatorin eine Geschichte über ihre Erlebnisse in Indien, in der deutlich wurde, wie unterschiedlich der Umgang mit Zeit, Planung und dem „Nein-Sagen“ sein kann.

Im Folgenden erarbeiteten zwei Arbeitsgruppen Unterschiede zum Thema „individualistisch orientierte und kollektivistisch orientierte Gesellschaften“, die beide als gleichwertige Systeme nebeneinander gestellt wurden. Anhand von Bildern, die jeweils die gleiche Person mit unterschiedlicher Mimik zeigten, (mal ernst, mal fröhlich) konnten die Teilnehmer*innen erfahren, wie schnell Bilder in unseren Köpfen entstehen, die wir uns zu Menschen machen, die vielleicht gar nichts mit der Person zu tun haben. Komplettiert wurden die Inputs durch zwei konkrete Arbeitsbeispiele, bei der die Gruppe durch Hypothesenbildung neue Perspektiven auf die eingebrachten Fälle entwickelten.

Nach den Workshops kamen alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch einmal zum Abschluß im Plenum zusammen. In einem "Blitzlicht" wurden noch einmal alle Inhalte und Eindrücke zusammengetragen.

Mit diesen Sprichworten wurden die Besucher*innen empfangen.

Auf den Tischen lagen Kärtchen mit Fragen aus. Die Besucher*innen konnten auf Kärtchen ihre Gedanken und Antworten hinterlassen, miteinander ins Gespräch kommen und sich auf den Fachtag einstimmen.

Wir bedanken uns für die Unterstützung des Fachtages bei

                                                  

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